Karl Veitschegger (2008)

 

Hatte Jesus Geschwister?


 

Foto © Karl Veitschegger: Jesuskind mit Maria und Josef (Heiliger Wandel), Graz

 

Ein evangelischer Pfarrer schrieb in einer österreichischen Tageszeitung (Kronenzeitung 22.12.2007) über Maria, die Mutter Jesu: „Wir wissen…, dass sie außer Jesus noch vier Kinder hatte: Jakobus, Joseph, Simon und Judas“. Einige katholische Leser/innen, die dadurch irritiert wurden, wandten sich damals an mich. Hier mein Antwort-Statement:

 

 

Zuviel behauptet?

 

Ein protestantischer Theologe ist nicht verpflichtet, die Lehre der katholischen Kirche wiederzugeben, wenn er sich über Maria äußert. Wenn er allerdings schreibt: „Wir wissen…, dass sie außer Jesus noch vier Kinder hatte: Jakobus, Joseph, Simon und Judas“, dann behauptet er etwas, was er aus der Bibel nicht wissen kann. Denn nirgends steht in der Heiligen Schrift, Maria habe mehrere Kinder geboren! Im Gegenteil, es spricht manches dagegen.

 

 

Lukas und Johannes

 

So erzählt das Lukasevangelium, dass Maria mit Joseph und dem zwölfjährigen Jesus nach Jerusalem zum Tempel pilgert (Lukas 2,41-52). Eine solche mehrtägige Pilgerreise würde Maria wohl kaum unternehmen, wenn sie zu Hause eine Reihe jüngerer Kinder unversorgt zurücklassen müsste. Zur Zeit Jesu macht eine jüdische Frau, die noch kleine Kinder hat, keine Tempelwallfahrt, zu der nur Männer verpflichtet sind. Freilich sind die Erzählungen aus der Kindheit Jesu keine historischen Protokolle, aber sie lassen den Schluss zu: Lukas und seine Informanten setzen voraus, dass Jesus das einzige Kind Marias ist. Und auch die Erzählung im Johannesevangelium, in der Jesus am Kreuz seine Mutter der Obhut seines Lieblingsjüngers anvertraut, ja ihn ausdrücklich zu ihrem „Sohn" erklärt (Johannes 19,26-27), setzt voraus, dass Maria nach Jesu Tod keine leiblichen Söhne hat, die für sie sorgen könnten und müssten.

 

 

Die „Brüder" und „Schwestern" Jesu

 

Wie kommt nun der evangelische Pfarrer zur Behauptung, Maria habe mehrere Kinder gehabt? Er leitet dies wohl aus jenen Stellen der Heiligen Schrift ab, die von „Brüdern“ (und auch von „Schwestern“) Jesu reden und auch einige Namen aufzählen: Jakobus, Josef, Simon und Judas (vgl. Markus 6,3). Er verschweigt allerdings, dass sich im Sprachgebrauch der Bibel die Bezeichnung „Brüder“ nicht auf leibliche Brüder beschränkt, sondern auch für andere Verwandte und Angehörige verwendet wird. So nennt Abraham seinen Neffen Lot „Bruder“ (Genesis 13,8 und öfter). Im Buch der Chronik (23,21-22) lesen wir, dass die Töchter Eleasars „ihre Brüder" (wörtlich übersetzt!) heiraten. Aus dem Zusammenhang wird klar, dass es sich um Cousins, die Söhne ihres Onkels Kisch, handelt. Auch die „Brüder“ und „Schwestern“ Jesu können daher als nahe Verwandte, vielleicht als Cousins und Cousinen, verstanden werden. Einer von ihnen, Jakobus, spielt später in der Urgemeinde eine große Rolle. Er wird öfter als „Bruder des Herrn", aber nie als Sohn Marias, der Mutter Jesu, bezeichnet.

 

 

Frühchristliche Tradition

 

Nicht nur die katholische Kirche, auch alle(!) orthodoxen Kirchen halten nach frühchristlicher Tradition daran fest, dass Maria nur ein Kind geboren hat: Jesus. Nach einer um 150 n. Chr. nachweisbaren (vgl. Protoevangelium des Jakobus 8,2 u. öfter) und in den Ostkirchen bis heute lebendigen Überlieferung ist Josef, als er sich mit Maria verlobt, Witwer mit schon größeren Kindern. Die „Brüder“ und „Schwestern“ Jesu wären demnach ältere Stiefgeschwister Jesu. Die Annahme, dass die „Brüder“ Jesu schon älter sind, würde gut erklären, warum sie sich ihm gegenüber manchmal wie Autoritätspersonen gebärden (vgl. Markus 3,31 in Verbindung mit 3,21). Als im 4. Jahrhundert in Rom ein gewisser Helvidius behauptet, Maria habe nach Jesus noch mehrere Kinder geboren, wird das als neuartige Provokation empfunden und Hieronymus weist die Thesen seines Zeitgenossen polemisch, aber auch scharfsinnig aus der Bibel argumentierend zurück. (Die meisten seiner Argumente sind auch heute noch beachtenswert, die sexualpessimistische Tendenz ist freilich theologisch obsolet.) In der christlichen Kunst wird Maria nie als Mutter mehrerer Kinder, sondern immer nur als Mutter Jesu dargestellt.

 

 

Die Reformatoren

 

Übrigens halten auch die im 16. Jahrhundert entstandenen Kirchen der Reformation ursprünglich an der altchristlichen Auffassung von der „immerwährenden Jungfräulichkeit“ Mariens fest. Luther bezeichnet Maria im lateinischen Text der Schmalkaldischen Artikel als sempervirgo (Immer-Jungfrau). Zwingli betrachtet die „Brüder“ Jesu in Mt 12,47 als „fründ“ [Verwandte]. Erst viel, viel später, wohl auch um sich von katholischer Marienverehrung und katholischem Zölibat abzusetzen, beginnen protestantische Theologen zu lehren, Maria habe mehrere Kinder geboren. Historische Beweise konnten für diese Meinung bisher nicht erbracht werden. Blasphemie muss man darin aber auch nicht sehen.

 

 

Wichtigere Frage

 

Viel mehr als die historische Frage, ob Jesus vor 2000 Jahren leibliche Geschwister hatte oder nicht, sollte uns Christenmenschen die Frage bewegen, ob wir heute zu seinen „Verwandten“ gehören. Denn wie sagt Jesus? – „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? – Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Markus 3,31-35) Darauf kommt es an.

 

Karl Veitschegger (Jänner 2008)

 

 

Aus dem Katechismus der katholischen Kirche (500)

„Die Kirche hat diese Stellen [über die Geschwister Jesu] immer in dem Sinn verstanden, dass sie nicht weitere Kinder der Jungfrau Maria betreffen. In der Tat sind Jakobus und Josef, die als „Brüder Jesu" bezeichnet werden (Mt 13,55), die Söhne einer Maria, welche Jüngerin Jesu war (vgl. Mt 27,56) und bezeichnenderweise „die andere Maria" genannt wird (Mt 28,1). Gemäß einer bekannten Ausdrucksweise des Alten Testamentes (vgl. z.B. Gen 13,8; 14,16; 29,15.) handelt es sich dabei um nahe Verwandte Jesu."

 

Martin Luther

predigt in seinem Todesjahr 1546 am 2. Februar (Lichtmess) über Maria: „Denn sie ist in der geburt und nach der geburt, wie sie Jungfraw war vor der entpfengnis und geburt, also auch geblieben. Und ist ir kein schade weder am leibe noch an der Jungfrawschafft widerfahren ...“ (WA 51, 167, 37)

 

Huldrych Zwingli

bekennt 1522 in seiner „Predigt von der ewig reinen Magd Maria, der Mutter Jesu Christi, unseres Erlösers“ (CRZw. 1, 391–428) „min lutere meinung von der müter gottes, das ich vestenklich gloub nach den Worten des heiigen euangelii eine reine magt [Jungfrau] uns geboren haben den sun gottes und in der gburt und ouch darnach in die ewigkeit eine reine, unverserte magt bliben“.

 

 

Literatur zum Thema:

Josef Blinzler: Die Brüder und Schwestern Jesu, Stuttgarter Bibelstudien 21, Stuttgart 1967

Hieronymus: Über die beständige Jungfrauschaft Mariens (gegen Helvidius)

Historische Bemerkungen von Ludwig Neidhart (Augsburg 2010)

 

 

Die katholischen Mariendogmen (Übersicht)

 

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