|
Meine „Positionen“ im SONNTAGSBLATT für Steiermark (seit Mai
2017) https://www.meinekirchenzeitung.at/tag/karl-veitschegger 31.05.2026 Der Hochstapler und
Kunstdieb Allmen wird im Zuge seiner Betrügereien von einem Rivalen
angeschossen. Eine Frau eilt ihm zu Hilfe, versorgt die Wunde und ruft
spontan: „Madre di Dio!“ Allmen ist irritiert und
meint, ein Gebet sei wohl nicht angebracht. Doch sie beharrt darauf und sagt
über Maria: „Sie ist immer da, auch wenn man selbst schuld ist.“ Dieses Wort aus einem
Allmen-Krimi hat mich tief berührt und durch den Marienmonat Mai begleitet.
Es steckt viel Evangelium darin: Liebe, die nicht abwägt, wer würdig ist; die
nicht erst dann gilt, wenn wir alles richtig gemacht haben, sondern gerade
dann, wenn wir uns verfehlt haben. „Gott liebt uns nicht, weil wir schön
sind, sondern damit wir schön werden können.“ (Augustinus) Maria verkörpert
für viele diese Zuwendung Gottes. In unzähligen Wallfahrtskirchen zeigt sie
uns ihren Sohn. Es sind „Gnadenbilder“, weil sie zum Vertrauen ermutigen. Seit ich den Krimi
gesehen habe, denke ich beim Ansehen von Marienbildern an dieses Wort: „Sie
ist immer da, auch wenn man selbst schuld ist.“ Laut Theologie ist Maria
das Urbild der Kirche. Vielleicht sucht Maria weniger Verehrer als
vertrauensvolle Nachahmer. (Das Zitat stammt aus
der Verfilmung des Krimis „Allmen und das Geheimnis der Erotik, Autor: Martin Suter) 19.04.2026 (Papst Franziskus) Am 21. April jährt sich sein Todestag. Von den sieben Päpsten, die ich
erlebte, war er mir der liebste: Franziskus. „Todos, todos, todos!“
— alle sollen die Liebe Gottes spüren: Gefangene, Geflüchtete, Menschen in
kirchenrechtlich „irregulären Beziehungen“, queere Menschen … Darum ging es
ihm. Sakramente verstand er nicht als Belohnung für „Brave“, sondern als
Hilfe für jene, die sich mit dem Leben und oft auch mit dem Christsein
schwertun. Synodalität, gemeinsames Suchen und Finden, sollte die Kirche
zukunftsfit machen. Herzlich umarmte er Rabbiner, Imame, orthodoxe Patriarchen und die
lutherische Erzbischöfin von Schweden. Er redete nicht nur von
Geschwisterlichkeit, er lebte sie. Er hungerte nach Gerechtigkeit, wetterte gegen zügellosen Kapitalismus
und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, gegen Angriffskriege und
Wettrüsten. Er hörte den Schrei der ausgebeuteten Erde, die „unser
gemeinsames Haus“ ist und bleiben soll. Freilich war auch er nur ein Mensch, hatte Grenzen, sagte Unbedachtes,
verstand manche Entwicklung nicht mehr, zögerte, weil er Reformunwillige
„mitnehmen“ wollte in die „Freude des Evangeliums“. Ja, er fehlt mir. Aber er bleibt
mir Vorbild — und ein Freund im Himmel. Danke. 08.03.2026 Sie ist seit Jahrhunderten eine beliebte Fastenspeise aus Mehl, Salz,
Hefe und Wasser. Ein Mönch in Südfrankreich soll sie vor 1400 Jahren erfunden
haben. Ihr Name kommt vom lateinischen „brachiolum“
(dt. „Ärmchen“). Denn ihre Form erinnert an die Haltung von Mönchen, die beim
Gebet ihre Arme vor der Brust kreuzen. Und damit sind wir schon bei ihrer Symbolik: Hält man eine Brezel ins
Sonnenlicht, strömt dreifach Licht durch ihre „Öffnungen“ – ein
Hoffnungszeichen. So verschlungen unser Leben, so verdreht unsere Welt auch
sein mag, in der Hinwendung zu Gott können wir Licht und Orientierung finden
– auch für unser Miteinander in der Gesellschaft.Denn
die Brezel lädt zum Teilen ein. Man muss ihre Arme „öffnen“, um sie genießen
zu können. Das widerspricht einer Haltung, die Zusammenleben nur als großen
„Deal“ begreift, bei dem die Cleveren und Starken sich bedienen, während
andere leer ausgehen. Unser Glaube sagt: Wir sind Geschwister und die Erde ist unser aller
Haus. Gemeinsam „hungern und dürsten nach Gerechtigkeit“ (Mt 5,6) – das ist
das Fasten, wie es Gott gefällt. Vielleicht denken wir daran, wenn wir das nächste Mal herzhaft in eine
Brezel beißen! 25.01.2026 Eine ältere Dame betritt das Studio der TV-Sendung „Bares für Rares“ mit
einem wunderschönen Ring. Diesen Ring, erzählt sie, habe ihre Tante in den
30-er Jahren von ihrem Geliebten erhalten. Der Mann war verheiratet und Jude.
Unter dem Nazi-Regime drohte ihm und seiner Familie grausame Vernichtung. Die
Geliebte versuchte, dem Geliebten und seiner Familie über einen bekannten
SS-Mann zur Flucht zu verhelfen. Der SS-Mann war dazu bereit, verlangte aber
als Gegenleistung, dass sie ihm sexuell zu Willen sei. Die Frau nahm das
Schreckliche auf sich — und rettete Leben. Die den Nazi-Mördern Entkommenen
bauten sich in Australien eine neue Existenz auf. Mit ihrer Retterin blieben
sie, solange diese lebte, brieflich verbunden. Eine Geschichte, die mich tief berührt. Der Moralist in meinem Kopf
verstummt angesichts solcher Schicksale. In all dem Grauenhaften und Düsteren
spüre ich etwas Helles. Ist es die Kraft der Liebe? Wenig später höre ich Papst Leo predigen: „Wie ein Licht in der
Finsternis lässt sich der Herr dort finden, wo wir ihn nicht erwarten: Er ist
der Heilige unter Sündern; er will unter uns sein.“ Ich glaube: Gott ist oft inkognito am Werk. – Auch in den Verwirrungen
unserer Zeit? 07.12.2025 8. Dezember — Hochfest der Resilienz Heute ist viel von Resilienz die Rede. Gemeint ist die innere
Widerstandskraft, mit der Menschen Krisen bewältigen und gestärkt aus ihnen
hervorgehen. Hilfen werden dazu angeboten: Atemübungen, Yoga, Sport …
Stressbewältigung heißt das Zauberwort. Aber geht es nicht um mehr? Katholischer Glaube kennt noch eine andere, tiefere Form von Resilienz.
Er feiert sie am 8. Dezember im Blick auf Maria: die Frau, die immun ist
gegen die Pandemie des Bösen in der Welt. Warum? Weil sie von Anfang an in
Gottes Freundschaft lebt. Ihr Leben ist keine Wellness-Story: Stall statt
Entbindungsheim, Flucht statt Familienurlaub, harte Worte aus dem Mund des
Sohnes statt Komplimente, Hinrichtung des Liebsten statt Karriere. Angst,
Schmerz, Verlust – doch Maria verbittert nicht. Sie bleibt gut, offen, stark.
Nicht durch Selbstoptimierung, sondern aus Gnade. Vielleicht ist das die höchste Form von Resilienz: dem „Bitter-Bösen“
keinen Raum in der Seele lassen. Aber wie? An Maria wird es deutlich: Wo ein
Herz offen ist für Gott, sich geliebt weiß, seine Würde kennt, bleibt es gut
und gütig – selbst wenn es verwundet wird. Lassen wir einander nicht im Stich, auch wenn uns das Leben zumutet,
„Schlangen aufzuheben“ und „Gift zu trinken“ (Mk 16,18). Lasst uns
füreinander da sein und in Würde einander stärken. 26.10.2025 Hymne Gottes (zum
Nationalfeiertag) „Patriotismus ist wie ein Dirndl: hübsch, wenn’s passt – peinlich,
wenn’s zwickt“, sagt ein Bonmot. Und das Christentum? Während Patriotismus
oft nur die eigene Heimat im Blick hat, schaut der christliche Glaube weiter
– bis ins Reich Gottes. Und das ist universal. Jesus war kein Österreicher.
Nicht einmal Römer. Er predigte Nächstenliebe, nicht Vaterlandsliebe. Seine
Jünger-innen und Jünger bauten keine Festung, sondern suchten weltweit offene
Herzen. Freilich lieben auch Christinnen und Christen das Land, in dem sie
leben. Sie genießen dankbar seine Köstlichkeiten, pflegen viele Traditionen,
feiern seine Feste, singen seine Lieder, arbeiten in ihm für Gerechtigkeit,
Frieden und Sicherheit. Heimat ist Geborgenheit – und wer hätte etwas gegen
Geborgenheit? Gott sicher nicht. Aber sein Gebot lässt keine Enge zu: „Liebe
deinen Nächsten!“ – auch wenn er „anders“ ist als du. Christlicher Glaube sagt Nein, wenn Patriotismus in Nationalismus
kippt. Wenn „Heimatliebe“ zur Ersatz-religion wird und das Christentum zur
ideologischen Waffe. Wir Christinnen und Christen freuen uns am heutigen
Feiertag über alles Schöne, das unsere Bundeshymne besingt. Aber wir wissen
zugleich: Gott hat keine Nationalhymne. Sein Liebeslied gehört allen in der
Welt. 14.09.2025 Sie sind wieder in der Schule: unsere Kinder, Enkel, Nichten, Neffen …
mit ihren Lehrerinnen und Lehrern. Experten geben alljährlich zum Besten,
wozu „die Schule“ junge Menschen befähigen muss. Viel Richtiges und Wahres
ist darunter. (Freilich kann die Schule allein das meist nicht leisten.) Ich bin kein Experte, aber auch ich habe Wünsche für unsere Jungen. So
wünsche ich mir, dass sie früh den Unterschied zwischen Fakten und Meinungen
erkennen können, ebenso zwischen persönlicher Überzeugung und der Wahrheit
selbst, die immer größer ist als mein und dein jetziger Erkenntnisstand. Und
ich wünsche mir, dass sie, ohne selbst alle bösen Erfahrungen machen zu
müssen, lernen, dass letztlich nicht die Jagd nach „Selbstoptimierung“,
Karriere und Mammon frei macht, sondern dass das Streben nach Gerechtigkeit,
Liebe und Großzügigkeit die Menschheit weiterbringt und am Ende jedem und
jeder von uns guttut. Und ich wünsche mir — dabei grüße
ich herzlich alle, die Religion unterrichten! —, Kinder mögen lernen, dass
Religion nie zu Hass und Abwertung „anderer“ führen darf und dass Gott jene
Wirklichkeit ist, die alles und alle umfängt und uns Mut machen will zum
Leben, zum guten Miteinander auf unserem Planeten. — Zu viel gewünscht? Zu naiv? Was denken Sie? 03.08.2025 Ich bin mir noch nicht sicher, wie der neue Papst „tickt“. Doch wer
glaubt, dass Leo, nur weil er wieder die rote Mozetta trägt und sich den Ring
küssen lässt, auch mit den großen politischen Anliegen seines Vorgängers
bricht, der irrt. Das „Herzstück der Politik“ war für Franziskus eine Nächstenliebe, die
„den Letzten den Vorzug gibt“. Auch Leo sieht das so. Sein UNO-Sprecher
erklärte kürzlich, die „primäre Aufgabe“ der Weltpolitik müsse die
„Bekämpfung der Armut“ sein. Franziskus rief zur „ökologischen Bekehrung“
auf: „Schützen wir unser gemeinsames Haus — ohne Aufschub!“. Leo folgt ihm
auch hier und hat ein eigenes Messformular dafür geschaffen. Franziskus
predigte die „Geschwisterlichkeit aller Menschen“. Manche kritisierten, dass er
auch Ungetaufte und Andersgläubige als Kinder Gottes bezeichnete. Aber auch
Leo lehrte kürzlich in Castel Gandolfo: „Wir müssen die Würde jedes Menschen
betonen, ob er christlich, muslimisch oder anderer Religion ist. Wir alle
sind Kinder Gottes, geschaffen nach seinem Bild.“ Das geschwisterliche
Miteinander aller Völker, globale Gerechtigkeit und Umweltschutz bleiben also
päpstliche Herzensanliegen. Stellen Sie sich vor, alle 1,4 Milliarden katholischen Menschen würden
das ernst nehmen und danach leben! 29.06.2025 So viele Konflikte und Zerstörung in aller Welt. Was tun? Dazu gebe ich
heute einen Facebook-Kommentar von Maria „Marwie“ Wiech, einer ehemaligen
Mitarbeiterin unserer Diözese, gerafft weiter: „Liebe Freundinnen und Freunde, im Herzen des Nahen Ostens wurde ein
neuer Krieg entfacht, Bomben fallen und harte Worte entzweien. Schwer wie
Steine wiegen die Worte: ,Das ist eine
Kriegserklärung.‘ Aber es gibt einen Gedanken, an dem ich mit euch festhalten
möchte: Nicht alles ist Dunkelheit. Ja, Israel und Iran sind in direkte
Konfrontation getreten. Aber inmitten des Waffenlärms gibt es auch jetzt
Hände, die heilen, und Herzen, die dem Hass widerstehen. Iranische Studenten
helfen Verwundeten. Israelische Mädchen trösten diejenigen, die alles
verloren haben. Menschen auf beiden Seiten schreiben und sagen: ,Wir sind keine Feinde.‘
Und wir? Was können wir tun, hier und jetzt? – Wir können uns weigern
zu erstarren. Wir können Worte wählen, die vereinen, statt Wut zu schüren.
Wir können Licht sein, wo immer auch Schatten des Krieges wachsen. Frieden
beginnt mit uns. Mit unseren Kommentaren, unserem Schweigen, unseren Gebeten.
Lasst uns daran denken: Selbst die dunkelste Nacht fürchtet die
Morgendämmerung.“ Ein Wort der Hoffnung. Danke, Marwie. 18.05.2025 „Es gibt Päpste, über die Gott sich freut, solche, die er akzeptiert,
und solche, die er erträgt.“ Das soll der Kirchenhistoriker Angelo G.
Roncalli, der spätere Johannes XXIII., gesagt haben. Er kannte die
Papstgeschichte gut und wusste, wovon er sprach. Der Heilige Geist inspiriert
die Kardinäle, aber er zwingt sie nicht, einen guten Papst zu wählen. Nun haben sie den Amerikaner Robert Prevost gewählt: Leo XIV. Die
meisten wohl, weil er den pastoralen Kurs seines Vorgängers Franziskus
fortsetzen will, andere vielleicht auch, weil er als Bischof in Peru
Gender-Studies kritisierte und konservativen Positionen nicht abhold war. Ein Papst kann heute nicht mehr automatisch mit dem Gehorsam des
Kirchenvolkes rechnen. Er muss zuhören können, mitreden lassen, konfliktfähig
sein, lernen, überzeugen. Leo XIV. scheint wichtige Voraussetzungen dafür zu
haben. Jedenfalls will er, wenn man seine ersten Worte als Papst ernst nimmt,
eine offene, barmherzige, synodale Kirche, die die Anliegen Jesu heute mutig
umsetzen will. Ich traue ihm zu, ein Brückenbauer zu werden, ein Papst, „über
den Gott sich freut“ und dem die Menschen vertrauen. Meine Enkel (4 und 6 J.)
sind jedenfalls von seinem ersten Auftritt angetan. Sie wollen jetzt auch
Papst werden. 06.04.2025 Ein freundlich grinsendes Sparschwein stand am Küchentisch. Wer ein
gehässiges Schimpfwort verwendete, musste fünf Schilling Pönale einwerfen
(für die Caritas). So bekämpften vor 50 Jahren Studienfreunde von mir verbale
Gehässigkeiten in ihrer Wohngemeinschaft. Klar, jedem Menschen platzt manchmal der Kragen und er sagt etwas, was
er später bereut. Aber dass Hassrede zur Gewohnheit wird und johlenden
Beifall findet, ist ein Trend, der mir Sorge macht. Nicht nur anonym im
Internet, sondern auch in der hohen Politik scheinen manche jede Hemmung zu
verlieren. Da wird das Staatsoberhaupt öffentlich als „senile Mumie in der
Hofburg“ verhöhnt, werden politische Mitbewerber als „Volksverräter“
angeflegelt, „Fremde“ pauschal als „Messerstecher, Vergewaltiger und Raubmörder“
angeprangert usw. Von Verantwortlichen in der Politik erwarte ich mir zumindest gute
Manieren. Eigentlich wünsche ich mir aber mehr: Respekt vor jedem Menschen.
Konflikte sind unvermeidbar, Diskussionen wichtig; sie sollen hart, aber fair
sein. Zu den viel beschworenen Werten unserer Kultur gehört das christliche
Prinzip „Personalität“: Jeder Mensch ist als Person in seiner Würde stets zu
achten, zu schützen und zu fördern. — Wo sind politische Vorbilder, die das leben? 23.02.2025 Der Nationalismus hat grausame Kriege und humanitäre Katastrophen über
die Welt gebracht. Dennoch ist er wieder im Wachsen. „Unser Land
zuerst!“ „Alles für unsere Leute!“ „Unser Wohlstand hat Vorrang
vor der Not anderswo!“ – so tönt es aus dem Mund von Rechtspopulisten in
aller Welt. Angst vor dem Fremden und
Neuen wird angeheizt, Neid auf Arme geschürt. Das Schicksal anderer Völker,
die Not von Minderheiten, die Ursachen von Fluchtbewegungen, der Klimawandel,
ja das Schicksal des Planeten werden ausgeblendet oder klein geredet. „Nationalismus ist eine Übertreibung des eigenen Selbst, die dazu
führt, andere auszuschließen und sie nicht mehr als Brüder und Schwestern zu
sehen“, warnte Papst Franziskus schon 2014 vor dem EU-Parlament: „Die größte
Gefahr des Populismus ist, dass er Spaltung sät, wo Einheit nötig ist, und
einfache [!] Lösungen bietet, wo komplexe Probleme gelöst werden müssen.“ Die katholische Kirche ist von ihrem Wesen her „inter-national“
und die großen Probleme der Menschheit sind nur global – das heißt
geschwisterlich, nicht nationalistisch! – zu lösen. Gerade katholische
Christinnen und Christen sind aufgefordert, an einer geschwisterlichen Welt
mitzubauen. Mit besonderem Blick auf die jeweils Ärmsten. So hat es Jesus
gewollt. So will er es. 12.01.2025 Der große Filmregisseur Woody Allen sagte in einem Interview: „Ich bin
strikter Atheist. Was immer wir zu Lebzeiten tun, ist am Ende sinnlose
Illusion, weil nichts von Bestand sein wird. Gar nichts. Ich wünschte, ich
läge falsch, aber der gesunde Menschenverstand spricht dagegen. Die Sonne
wird erlöschen. Ob es uns gefällt oder nicht … Wenn meine Frau seufzt, dass
das Leben kurz und traurig ist, dann bin ich es, der sagt, dass sie nicht
albern sein soll. Dass es viel Wundervolles zu erleben gibt. Aber tief in
meinem Herzen spiele ich ihr etwas vor." Auch gläubige Menschen kennen Zweifel und Verzagtheit, aber tief in
ihrem Herzen vertrauen sie, dass unser aller Leben nicht sinnlos ist, sondern
trotz vieler Schwierigkeiten letztlich in guten Händen liegt. Und so machen
sie anderen ungeheuchelt Mut. Das Heilige Jahr 2025 lädt uns ein, „Pilgernde
der Hoffnung“ zu sein. Der Mystiker David Steindl-Rast meint: „Letztlich
haben wir die Wahl, im Urvertrauen zu leben und das Universum als das Zuhause
anzusehen, das Gott für uns geschaffen hat, oder in Angst und Misstrauen zu
leben. Wir müssen uns entscheiden. Das ist die wichtigste Entscheidung, die
wir jeden Tag, den wir verleben, zu treffen haben.“ 17.11.2024 Meine Schwester Maria war sehr enttäuscht, als uns Kindern erklärt
wurde, das Christkind im schönen Kleidchen am Hochaltar sei kein Mädchen,
sondern ein Bub. Warum wurde Jesus als Mann geboren? Das beschäftigte auch
frühere Generationen. Der große Thomas v. Aquin meinte, Gott in seiner
Allmacht hätte zwar einen Frauenkörper annehmen können, aber wegen des
„Lehrens“ und „Herrschens“ musste Jesus doch Mann werden. Diese Begründung
klappt heute nicht mehr. Die Theologin Tina Beattie meint, Männer hätten ungleich
mehr Unheil in der Welt angerichtet als Frauen, weshalb auch ein Mann das
Leid auf sich nehmen und auslöschen müsse. Das macht nachdenklich. Aber ist
das anatomische Geschlecht für die Erlösung wirklich entscheidend? Jesus ist Mensch (!) geworden. Das ist es doch, was ihn mit uns allen
verbindet, unabhängig von Alter, Hautfarbe und Geschlecht. Der anglikanische
Theologe Graham Ward erinnert zu Recht an Paulus: Seit der Auferstehung Jesu
ist die ganze Kirche sein Leib (vgl. 1 Kor 12,27). Und dieser Leib umfasst
Männer und Frauen, ja ist ein „multi-gendered-body“.
Darum, meine ich, sollte die Anatomie Jesu von Nazaret auch nicht länger
dafür entscheidend sein, wem unsere Kirche heute (!) bestimmte Ämter und
Dienste zutraut. 13.
10.2024 Hisbollah – „Partei Gottes“ – nennt sich die islamistisch-schiitische
Partei im Libanon, berüchtigt für kriminelle Geschäfte und kriegerische
Aktionen. Als „Gottes Willen“ bezeichnen radikal-religiöse Israelis das
völkerrechtswidrige Besiedeln des Westjordanlandes. „Wunder Gottes“ nennt
Patriarch Kyrill die Herrschaft Putins und rühmt dessen Ukraine-Krieg als
„metaphysischen Kampf des Guten gegen das Böse“. Immer wieder muss „Gott“
herhalten, um Konflikte zu befeuern und profane Interessen durchzusetzen. Menschen
können alles, was gut ist, auch missbrauchen: Technik, Medizin, Kunst, … —
leider auch Religion. Kein Wort sei so „besudelt“ wie das Wort „Gott“, klagt
Martin Buber. Politik hat die große Aufgabe, für ein sozial-gerechtes
Miteinander zu sorgen, aber sie möge mit dem Wort „Gott“ vorsichtig umgehen!
„Gott“ ist keine Waffe. Jesus wollte kein politischer Messias sein und lehnte
das Vermengen von „Gott“ und „Kaiser“ ab. 2019 erklärten der Papst und der Kairoer Großimam
gemeinsam: „Wir bitten alle aufzuhören, die Religionen zu
instrumentalisieren, um Hass, Gewalt, Extremismus und blinden Fanatismus zu
entfachen. Wir bitten, es zu unterlassen, den Namen Gottes zu benutzen, um
Mord, Exil, Terrorismus und Unterdrückung zu rechtfertigen.“ 01.09.2024 Ein Bekannter hat sich durch Äußerungen von mir, die gar nicht ihm
gegolten haben, angegriffen gefühlt und, ohne mir die Chance zu geben, das
Missverständnis zu klären, den Kontakt mit mir abgebrochen. Bitter. Aber ich
lerne daraus: Bevor wir uns beleidigt oder verspottet fühlen, sollten wir
nachfragen, ob wir überhaupt gemeint sind. Vielleicht wäre auch der Konflikt
um die „Mahlszene“ bei der Olympia-Eröffnung anders gelaufen, hätte man das
beachtet. (Ich bin sicher, es ging nicht gegen die Eucharistie.) Auch
Christenmenschen sind nicht davor gefeit, sich zu rasch „verfolgt“ zu fühlen:
von „Juden“, „Freimaurern“, „Welt-Verschwörern“, vom „Genderismus“, „Ökowahn“ etc. Oft musste die offizielle Kirche später
Fehleinschätzungen zugeben. Was kann man gegen Feindbilder tun? — Vor 60
Jahren hat Paul VI. („Ecclesiam suam“) den Dialog
zur christlichen Grundhaltung erklärt: mit den „Anderen“ reden; ihr Anliegen
verstehen wollen, gerade wenn es irritiert; das Gute darin suchen; alles
prüfen, aber auch selbstbewusst die eigene Überzeugung darlegen. Konflikte
müssen nicht in Gekränktheit und Rechthaberei enden, sie können dem Wachsen
des Guten in der Welt dienen. 14.
07.2024 Es hat Jahrhunderte gedauert, ehe man gewagt hat, das qualvolle Sterben
Jesu „realistisch“ darzustellen. Inzwischen hat man sich an die Kreuze mit
Corpus gewöhnt und Gläubige verteidigen sie vehement gegen Kritik: Gott ist
in Jesus wirklich Mensch geworden und hat als solcher furchtbar gelitten —
mit uns und für uns. Diese Botschaft muss zumutbar sein, sagen sie. — Nun hat
die Künstlerin Esther Strauß gewagt, auch Jesu Geburt „realistisch“
darzustellen. Eine Skulptur, die Maria in gebärender Position zeigt. Aufgestellt im Linzer Dom. Total ungewohnt,
für viele verstörend. Darf man das zeigen? „Ekelig“, „frauenfeindlich“,
„satanisch“ lauten die Proteste. Unbekannte sägen der Skulptur schließlich brutal den Kopf ab. Fromme
Zerstörungswut? „Katholiban“ am Werk? Auch mich irritierte die Darstellung. Ich verstehe den Widerstand.
Überforderung macht oft aggressiv. Ich empfinde keine Aggression, aber dem
muss ich mich stellen: Gottes Menschwerdung ist eine Zumutung!
Menschenfleisch aus Menschenfleisch, geboren aus einer Frau. Christentum ist
nichts Blasses, es ist fleischig, blutig, wahrhaft menschlich. „Daran erkennt
ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus im
Fleisch gekommen ist, ist aus Gott!“ (1 Joh 4,2) — Nein, Esther Strauß ist keine
Gotteslästerin. Link: https://www.derstandard.at/story/3000000226748/marienstatue-im-linzer-dom-wurde-gekoepft 02.06.2024 Bald ist EU-Wahl und viele fragen sich: Was bzw. wen soll ich wählen?
— Zum Besten, was die katholische
Kirche je hervorgebracht hat, gehört ihre Soziallehre. Nimmt man sie als
Basis, kann man sich vor der Wahl Folgendes fragen: 1. Wer zeigt in seinem Reden und Tun Respekt vor der Personwürde jedes Menschen, unabhängig von Alter, Nation,
Religion usw.? 2. Wem ist das Gemeinwohl aller Menschen ein Anliegen, nicht nur der
Wohlstand einzelner Nationen und Gruppen? 3. Wer kämpft für Solidarität der Bevorzugten mit den Benachteiligten
unserer Erde und wagt, dafür auch Verzicht zu verlangen? 4. Wer nimmt das Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe ernst und traut Menschen
Eigenverantwortung zu (Subsidiarität)? 5. Wer hat erkannt, dass unser Planet nicht länger ausgebeutet werden
darf, sondern rasch Hilfe braucht, damit er das bewohnbare „gemeinsame Haus“
für alle auf unserer Erde sein kann? Vielleicht sind Ihnen auch noch andere Fragen wichtig. Gott hat Sie und
mich jedenfalls erwählt (!), Verantwortung zu übernehmen. Darum sollten wir
zur Wahl gehen. Vielleicht müssen Sie beim Angebot der Parteien sagen: „Ich
wähle das kleinere Übel“. (Auch das ist übrigens ein katholischer
Moralgrundsatz.) Aber gehen Sie zur Wahl, bitte! 21.April
2024 In seinem Buch „Leben“ schreibt Papst Franziskus: „Es freut mich, wenn
ich sehe, wie engagiert Jugendliche, vor allem Schülerinnen und Schüler, für
den Erhalt unseres Planeten kämpfen und gegen die Entscheidungen der
Regierungen protestieren, die nicht genügend gegen den Klimawandel
unternehmen. Die Zeit läuft uns davon, es bleibt uns nicht mehr viel, um den
Planeten zu retten, und wenn ich an die jungen Leute denke, […] sage ich
immer: Haciendo lío,
macht Radau, aber nur unter der Bedingung, dass die Demonstrationen nicht in
Gewalttätigkeit münden und weder Kunstwerke noch öffentliche Räume zerstört
oder verunstaltet werden.“ Die Klimakrise zu meistern, ist die Hauptaufgabe unserer Zeit.
Misslingt sie, wird es bei uns zu furchtbaren Hitzewellen und
Katastrophenwettern kommen, aber große Teile der Erde werden überhaupt
unbewohnbar sein, viele Menschen umkommen, Massen sich auf die Flucht machen
— auch zu uns. Noch ist es nicht zu spät. Setzen wir mit dem Papst, der
seriösen Wissenschaft und allen Menschen guten Willens der Politik zu, sich
endlich mutig(!) für unsere Erde einzusetzen. Auch wenn das Opfer von uns
verlangt. Politik schielt nach Umfragen. Traurig, aber auch eine Chance.
Arbeiten wir, wo immer wir sind, für eine Mehrheit zugunsten unserer Erde! 03.
März 2024 Das Wort „scheitern“ meint ursprünglich das Zerbersten eines
Holzschiffes in mehrere „Scheite“, also ein Ereignis, das zum Untergang
führt. Wer schon einmal beruflich oder familiär „gescheitert“ ist, wer von
Menschen, die er liebt, „zerbrochen“ und „entsorgt“ worden ist, oder wer vor
den Trümmern seines guten Rufes steht, weiß, was es heißt: im Unglück
versinken. Auch Gläubige sind davor nicht gefeit. Bleibt nur die
Verzweiflung? — Der deutsche TV-Pfarrer Heiko Bräuning wies einmal darauf
hin, dass in der Bibel das hebräische Wort für „scheitern“ (
שבר- schabar)
noch zwei andere Bedeutungen hat, nämlich: das
„Sich-Öffnen des Mutterleibes zur Geburt“ und „fruchtbar sein, Vorrat
anlegen“. Wenn wir der Weisheit der Bibel trauen, steckt in diesem Wort eine
gewaltige Hoffnung: „Scheitern“ kann, obwohl es zuerst gar nicht danach
aussieht, die (schmerzhafte) Geburt von etwas Neuem sein. Vielleicht kennen
Sie das aus Ihrem eigenen Leben. „Scheitern“ birgt, im Lichte der Bibel
betrachtet, das Ostermysterium in sich: die Härte des Karfreitags, aber auch
die göttliche Kraft, die alles Bittere in Osterlicht verwandeln kann. Auch
den Tod. Lassen wir einander nicht im Stich, wo es Scheitern gibt! Halten wir
unser Herz offen für dieses Geheimnis! Das ist mein Fasten- und Osterwunsch
für uns alle! 14.
Jänner 2024 Freilich hätte alles noch schlimmer kommen können. Aber 2023 erlebte
ich als kein gutes Jahr. Viel Enttäuschung, Leid, Tod in meiner kleinen Welt
und in der großen. Da fiel mir just am 31.12. ein, was Carl Zuckmayer in „Des
Teufels General“ seine Hauptfigur sagen lässt: „Ich aber sage Ihnen, das Leben ist schön. Die Welt ist wunderbar. Wir
Menschen tun sehr viel, um sie zu versauen, und wir haben einen gewissen
Erfolg damit. Aber wir kommen nicht auf – gegen das ursprüngliche Konzept.
Woher das stammt – das weiß ich nicht. Ich bin kein Denker, und kein Prophet.
[…] Aber ich weiß – das Konzept ist gut. Der Plan ist richtig, der Entwurf
grandios. Und der Sinn heißt – nicht: Macht. Nicht: Glück. Nicht: Sättigung.
Sondern – die Schönheit. Oder – die Freude. Oder beides. Nennen Sie es von
mir aus, wie Sie es wollen – vielleicht gibt es kein Wort dafür. Es ist das,
was wir in unsren besten Stunden ahnen, und besitzen. Und dafür – nur dafür –
leben wir überhaupt.“ Hm. Manchmal, wenn ich an Menschen denke, die ich liebe, oder an das
Gute, das doch immer wieder aufbricht, dann spüre ich, auch wenn mir dabei
die Tränen kommen, am Grunde von allem dieses unzerstörbar „Schöne“. Danke,
Gott*! 19.
November 2023 Der Mensch kann alles Gute missbrauchen: Kommunikation, Medizin,
Technik, Kunst … — und leider auch Religion. Jesus geht mit „Sündern“ aller
Art milde um, zu milde, wie seine Gegner ihm vorwerfen. Aber wenn Menschen
„Gott“ und „Religion“ beschwören, um andere abzuwerten, zu unterdrücken oder
auszunützen, findet er verdammt harte Worte: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten
…!“ (Mt 23,13 und öfter) Er wusste auch, dass verblendete Religion tödlich
sein kann: „Es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott
einen heiligen Dienst zu leisten.“ (Joh 16,2). Terror im Namen „Gottes“. Gottesvergiftung. Ja, das gab es damals und
das gibt es auch heute. Jesus hat vorweggenommen, was später der
Nobelpreisträger Steven Weinberg in aller Bitterkeit so formulierte: „Mit
oder ohne Religion werden gute Menschen Gutes und böse Menschen Böses tun.
Damit aber gute Menschen Böses tun, dazu bedarf es der Religion.“ Weinberg
ist Atheist geworden. Jesus nicht, obwohl er von religiösen Menschen, nicht
von Atheisten, zur Strecke gebracht worden ist. Er ist zu innig mit Gott, den
er liebevoll seinen „Abba“ (Papa) nennt, verbunden. Dieser Gott, den Jesus uns vorlebt, ist kein Rechthaber und Machthaber,
sondern der „Liebhaber“ schlechthin: jene erlösende Kraft der Liebe, die
sogar die Feinde umfasst. Eine Religion, die uns nicht zu tiefer Liebenden
macht, ist wertlos. Selbstachtung zu bewahren und zugleich unserem Feind ein
glückliches Leben zu wünschen, zu dieser Balance ruft der Rabbi aus Nazaret
auf. Wie das geht? Täglich üben. Jeder Schritt zählt. Sonst ist uns Menschen
nicht mehr zu helfen. 8.Oktober
2023 Als die Berliner Mauer fiel und das DDR-System zusammenkrachte, musste
sich das Diktatoren-Ehepaar Erich und Margot Honecker vor dem Zorn des Volkes
verstecken und suchte verzweifelt Unterschlupf. Niemand wollte die beiden bei
sich haben, auch keine Kirchengemeinde. Nur der evangelische Pfarrer Uwe
Holmer und seine Frau waren bereit, die Verhassten am 30. Jänner 1990 in ihr
Haus aufzunehmen. Vor der Tür tobte die lynchbereite Menge, beschimpfte und
bedrohte den Pfarrer und forderte Honeckers Kopf. Die Pfarrerfamilie selbst
war Opfer der Politik Honeckers. Keines der zehn Kinder durfte studieren.
Grund: ihre Treue zum christlichen Glauben. Denn die Honeckers
benachteiligten oder verfolgten gnadenlos alles, was dem kommunistischen
Regime zuwiderlief. Sie waren auch, nachdem sie bei Pfarrer Holmer Schutz
gefunden hatten, nicht einsichtig, baten nie um Vergebung, belogen andere und
sich selbst. Acht Wochen blieben sie im Pfarrhaus, ehe sie nach Moskau
ausgeflogen wurden. Warum ich an diese Geschichte erinnere? — Vor kurzem ist Pfarrer Uwe
Holmer gestorben. Auf die Frage, warum er die Honeckers aufgenommen habe,
antwortete er stets: Er könne als Christ und Pfarrer nur glaubwürdig sein,
wenn er auch lebe, was er predige und bete: „Vater unser, … vergib uns unsere Schuld, wie auch wir
vergeben unseren Schuldigern.“ In einer Welt von Ideologie-Verblendung, Egoismus, Aggression und „Wir werden es euch zeigen!“-Stimmung zeigte Pfarrer Holmer den Weg
Jesu: Evangelium pur. Danke. 13.August
2023 Der Kabarettist lobt zuerst den Klima-Einsatz der Kirche, bringt dann
aber doch eine witzige „Kritik“ an: „Christi Himmelfahrt ist im Mai und Mariä
Himmelfahrt im August. Hätten die beiden nicht eine Fahrgemeinschaft bilden
können?“ Das Publikum lacht, ich auch. Dann sagt der Theologe in mir: Haben
sie ja! Jesus hat sein Leben in Gott vollendet – nicht für sich allein,
sondern bereits für uns alle. Maria und wir sind seine „Mitfahrer“ und
„Mitfahrerinnen“. Auch wenn wir zu verschiedenen Zeiten sterben, es wird
keine Alleinfahrt zu Gott. Unser Sterben und Auferstehen wurde
bereits — jenseits von Raum und Zeit — hineingenommen in Tod, Auferstehung
und Vollendung Jesu. In Christus ist das Wesentliche für uns schon geschehen.
Von Maria feiern wir das am 15. August. Aber es gilt für uns alle: „Ihr seid [mit Christus] gestorben und euer Leben ist mit Christus
verborgen in Gott. Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet
auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.“ (Kol 3,3f) Man könnte jetzt fragen: Wenn der Himmel so wichtig ist, ist dann die
Erde unwichtig? — Nein, ganz und gar nicht! „Himmelfahrt“ beginnt hier auf
Erden, dauert das ganze Leben und ist ein Wachsen, das sich nicht
überspringen lässt. Ein Apfelbaum trägt nur dann köstliche Früchte, wenn er
gut gepflanzt und gepflegt worden ist, gedeihen und blühen kann, dem Wetter
trotzt usw. Der Ernte geht das Reifen voraus. Der Himmel ist „geerntetes
Erdenleben“. Er wird uns umso besser „schmecken“, je liebevoller wir hier auf
Erden gelebt und mit der Schöpfung umgegangen sind. Einen frohen 15. August! 25.
Juni 2023 Petrus und Paulus – so unterschiedlich: Der eine, ein einfacher
Fischer, ist Begleiter des irdischen Jesus und tritt früh als Wortführer
seiner Jünger und Jüngerinnen auf. Der andere, ein theologisch gebildeter
Zeltmacher, zuerst fanatischer Gegner der Jesusbewegung, wird erst durch sein
„Damaskuserlebnis“ zum Apostel. Der eine gilt als „Fels“ der Kirche, der
andere als innovativer Künder christlicher Freiheit: „Wo der Geist des Herrn
ist, da ist Freiheit.“ (2 Kor 3,17) Beide sind von Jesus berufen. Beide gehören
zum Fundament der Kirche. Zwei maßgebliche Apostel, die – wie wir aus der
Bibel wissen – auch miteinander im Streit liegen können: „Als Kephas (Petrus) nach Antiochia gekommen war, habe ich (Paulus) ihm
ins Angesicht widerstanden, weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte.“ (Gal
2,11) Konflikte gehören von Anfang an zur Kirche. Liebe zur Tradition und Offenheit für Neues stehen oft in Spannung zueinander, ebenso Einheit und Vielfalt. Da kann schon hin und wieder heftiger Streit ausbrechen. Und Gott mutet seiner Kirche solche Konflikte zu. Er will, dass sie offen ausgetragen werden. Kein unehrlicher Konsens. Ohne Dissens kein Fortschritt. Petrus und Paulus streiten miteinander, aber sie entzweien sich nicht. Sie halten einander aus, weil beide an die Dynami |