Karl Veitschegger (1998/2001)

 

Das Kreuzzeichen – mit den Fingern den Glauben bekennen


 

Mit einem Finger

 

Der Brauch, sich zu bekreuzigen, geht in frühchristliche Zeit zurück. Erste Belege stammen aus dem zweiten Jahrhundert (z.B. Johannesakten, Tertullian). Ursprünglich wird das Kreuzzeichen nur mit einem Finger – mit Zeigefinger oder Daumen – gemacht, und zwar allein auf die Stirn. Später ziehen Gläubige das Kreuz auch über das ganze Gesicht, über Nase, Mund und Augen. Christliche Männer und Frauen werden an diesem Zeichen von ihren heidnischen Mitbürgern erkannt und nicht selten verspottet: Was muss das für ein törichter Gott sein, der sich kreuzigen lässt! Sieben Jahrhunderte lang machen Christgläubige das Kreuzzeichen mit nur einem Finger, in Serbien hält sich dieser Brauch sogar bis ins 15. Jahrhundert. Manche sehen darin den Glauben an den einen Gott ausgedrückt.

 

Mit zwei Fingern

 

Seit dem 8. Jahrhundert beginnen sich in manchen Gegenden Christen und Christinnen mit zwei Fingern – mit Zeigefinger und Mittelfinger – zu bekreuzigen, und zwar auf Stirn und Brust. Sie wollen damit deutlich machen, dass Jesus Christuszwei Naturen" hat, also zugleich Gott und Mensch ist. Das ist ein Protest gegen jene Irrlehren, die Jesus nur als Gott sehen wollen und sein wirkliches Mensch-Sein nicht ernst nehmen. Dieses Zwei-Finger-Kreuzzeichen verbreitet sich vor allem unter den Griechen.

 

Mit drei Fingern

 

Zugleich entwickelt sich aber auch der Brauch, das Kreuzzeichen mit drei Fingern – Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger – zu machen. Im 13. Jahrhundert hat sich diese Art, die den dreifaltigen Gott symbolisiert, in der ganzen griechischen Kirche durchgesetzt. Man spricht dazu die schlichten Worte aus der Hl. Schrift: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" (Matthäus 28,20). Das Kreuzzeichen wird so zur Zusammenfassung des christlichen Glaubens: Gott Vater liebt und erlöst uns durch seinen Sohn und schenkt uns seinen Heiligen Geist. Die orthodoxen Gläubigen bekreuzigen sich bis heute auf diese Weise. Unbekannt ist weithin, dass auch im Westen Päpste, z.B. Leo IV. (+ 855) und Innozenz III: (+ 1216), lehren, das Kreuzzeichen mit drei Fingern von der Stirn zur Brust und von der rechten (!) zur linken Schulter zu machen.

 

Mit der ganzen Hand

 

Erst später wird unser heutiger Brauch üblich, das Kreuzzeichen mit der ganzen Hand zu machen, also mit fünf ausgestreckten Fingern, was manchmal als Hinweis auf die fünf Wundmale Christi gedeutet wird. Beim Sich-Bekreuzigen wird zuerst die linke Schulter und dann die rechte berührt. Daneben ist auch das „kleine Kreuzzeichen“ in Gebrauch (z.B. bei der Messe vor dem Evangelium): Mit dem Daumen wird jeweils ein Kreuz auf Stirne, Mund und Brust gezeichnet. Die Art des Sich-Bekreuzigens hat sich im Lauf der Jahrhunderte immer wieder gewandelt, sein Sinn als Bekenntnis zu Jesus Christus ist von bleibendem Wert. Die Worte Bischof Kyrills von Jerusalem (+ 387) verdienen auch heute noch Beachtung: „Schämen wir uns nicht, den Gekreuzigten zu bekennen, besiegeln wir vertrauensvoll mit den Fingern die Stirne, machen wir das Kreuzzeichen auf alles, auf das Brot, das wir essen, über den Becher, den wir trinken! Machen wir es beim Kommen und Gehen, vor dem Schlafe, beim Niederlegen und Aufstehen, beim Gehen und Ruhen!" (Taufkatechese 13)

 

Mit ganzem Herzen

 

Freilich soll das „signum Christi" (Zeichen Christi) nicht zu einem bloß äußerlichen, gedankenlosen Gestus verkommen. Es ist wichtig, so mahnt schon vor 1600 Jahren Bischof Johannes Chrysostomus (+ 407), dabei auch die richtige Einstellung des Herzens zu haben: „Wenn du dich bekreuzest, erfülle deine Stirn mit großer Zuversicht und mache deine Seele frei." (Matthäuskommentar 54,4-5)

 

Beitrag für „Neues von Graben" 1998 (hier nur leicht verändert; Hauptquelle: Beitrag nach P. Julian Katrij OSBM in: Christlicher Osten - Rundbrief des Andreas-Petrus-Werks, Salzburg,1996 /2)

Veröffentlicht auch in: St. Kassian Kalender, 331. Jg., für das Jahr 2022, S. 262–263

 

 

 

Karl Veitschegger (1998/2001)

 

Tertullian (+ 220) in „De corona militis“ 3:

„Bei jedem Schritt und Tritt, bei jedem Eingehen und Ausgehen, beim Anlegen der Kleider und Schuhe, beim Waschen, Essen, Lichtanzünden, Schlafengehen, beim Niedersetzen und, welche Tätigkeit wir immer ausüben, drücken wir auf unsere Stirn das kleine Zeichen.“

 

Martin Luther und das Kreuzzeichen

Heute wird unter evangelischen Christen das Kreuzzeichen weithin abgelehnt oder zumindest nicht praktiziert. Martin Luther hatte in seinem Kleinen Katechismus hingegen noch geschrieben: „Des Morgens, so du aus dem Bette fährst, sollst du dich segnen mit dem heiligen Kreuz und sagen: Das walte Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist."

 

Zurück zur Startseite von Karl Veitschegger

Zurück zum Menü „Artikel, Referate, Skizzen ...“

Karl Veitschegger © 1998/2001