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Viel gelernt von A bis Z Zum 90. Geburtstag
von Bischof Egon Kapellari (12. 1. 2026) von Karl Veitschegger Als
Mitarbeiter Bischof Kapellaris habe ich in 14 Jahren viel von ihm gelernt.
Einiges sei hier angeführt (das Plagiieren seiner Gedanken und mancher seiner
Formulierungen ist Absicht): A
wie Ästhetik: Es gilt, die
ganze Wirklichkeit, auch in ihrer Hässlichkeit, ernstzunehmen, und zugleich
an die Schönheit der Wahrheit zu glauben. Das Christentum ist zu schön, um
nicht wahr zu sein. B
wie Bibel: Die Hl. Schrift
ist kein vom Himmel gefallenes Diktat Gottes, sondern Zeugnis eines langen
Ringens zwischen Gott und Mensch. In 1 Joh 4,8 ist der Goldfaden, der das
Ganze durchzieht, gut fassbar. C
wie Christus: Die Pointe
des Christentums ist die Inkarnation Gottes in Jesus Christus, der mit uns
bis in den Tod geht — und uns österlich darüber hinausführt. Heilige Schrift,
Tradition und kirchliches Dogma führen spannungsreich an dieses Geheimnis
heran, ohne es je auszuloten. D
wie Dialog: Kein Zurück
hinter das II. Vatikanum! Es entspricht dem Wesen der Kirche, im Dialog zu
bleiben in der Ökumene, mit anderen Religionen und Weltanschauungen, mit
Politik, Kunst und Wissenschaft, mit „allen Menschen guten Willens“. E
wie Eucharistie: Die hl.
Messe soll liebevoll, würdig, verständlich gefeiert werden — frei von banalem
Getue und inszeniertem Pauperismus, aber auch ohne veralteten Pomp, billigen
Kitsch und liturgische Militanz. F wie Franziskus: Mit Papst Franziskus wehte der
erfrischende Wind der Bergpredigt durch die Welt. G
wie Gott: „Ob ein Gott sei?
Ob er einst erfülle, / Was die Sehnsucht weinend sich verspricht? / […]
Hoffen soll der Mensch! Er frage nicht!“ (Christoph Tiedge) — Doch, er frage!
Immer wieder. Christlicher Glaube ist kritisches, vernünftiges, intellektuell
redliches Vertrauen. H
wie Humor: „Humor ist eine
Erscheinungsform der Religion." (G. K. Chesterton) Nichts ist so
todernst, dass Gott es nicht zum Guten wenden könnte — nicht einmal der Tod. I
wie Ideale: Ideale sind,
obwohl sie oft nicht eingehalten werden, unverzichtbare Fixsterne, die auch
dann leuchten, wenn man sie zeitweilig nicht sieht. J
wie Jesuiten: Der Grazer
Dom als ehemalige Jesuitenkirche ist ein seit Jahrhunderten durchbeteter
Raum: „Alles zur größeren Ehre Gottes!“ (Ignatius v. L.) K
wie Kritik: Kritik
zulassen, verstehen, aushalten, nicht beleidigt sein, aber auch, wo nötig,
Irrtümer und komplexe Sachverhalte aufklären, selbst wenn es mühsam wird —
das entspricht wahrer Autorität. L wie Leben:
Christen sind Freunde des Lebens: des geborenen und des ungeborenen, des
entfalteten und des Lebens mit Behinderung, des irdischen und des ewigen
Lebens. M
wie Migration: Es geht um
Menschen! Gefordert ist kein blauäugiger, sondern ein realistischer
Idealismus. Wer überhaupt nichts Gutes tut — ja, Gutes tun darf auch wehtun
—, sollte im öffentlichen Diskurs lieber schweigen. N wie Nein: Das Ja zu Gott
ist ein Nein zur Inhumanität. O wie „Omnia vestra — vos autem
Christi.“ Wer 1 Kor 3,23 zum Wahlspruch nimmt, weiß um die
Freiheit, aber auch Verantwortung, die aus dem Christ-Sein kommt. P wie prophetisch: Auch gegen von Meinungsumfragen massiv
abgesicherte Ansichten kann Widerstand notwendig sein. Q
wie Queerness: Die Kirche
braucht Kontinuität, sie muss nicht jedem Trend hinterherlaufen, aber offen
sein für die Zeichen der Zeit im Wissen, dass sie auch schuldhaft etwas
versäumen kann. R
wie Religionsunterricht:
Katholischer Religionsunterricht ermöglicht eine verlässliche „Innensicht“
christlichen Glaubens als Voraussetzung für das interkulturelle und
interreligiöse Miteinander in einer demokratischen Gesellschaft. S wie Säkularisierung: Europa ist stark
säkularisiert, aber dennoch der am längsten und tiefsten vom Christentum
geprägte Kontinent. Diese Wurzeln werden Europa weiterhin nähren, wenn auch
anders als früher. T wie Taoteking. Was B. Brecht in seinem
Laotse-Gedicht schreibt, ist auch christlich rezipierbar: Was hat der Weise
„rausgekriegt?“ – „Dass das weiche Wasser in
Bewegung mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. Du verstehst, das Harte
unterliegt.“ U wie unterscheiden: Nicht jede Unterscheidung ist
Diskriminierung. V und W wie „Versuch,
in der Wahrheit zu leben“ (Vàclav Havel): Sich um ein aufrichtiges Leben frei von
Lüge bemühen – weniger sollten wir uns nicht abverlangen. X und Y wie
Unbekanntes:
Vertrauen! Am Ende fügt sich
alles. Z
wie Zukunft: Die Zukunft
wird anders sein als die Gegenwart, das Loslassen von Vertrautem schmerzlich.
Werden wir lernen, mit Konflikten auf dem Niveau des Evangeliums umzugehen? –
Christliche Hoffnung „weiß“: Der Saldo der Weltgeschichte wird positiv sein. Karl Veitschegger (im September 2025) Der Beitrag erschien stark gekürzt in
der Sondernummer von DENKEN + GLAUBEN zum 90. Geburtstag von Bischof Egon
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