Karl Veitschegger (2026)

 

„Gerechter Krieg“ – ein umstrittenes Konzept


Jesus und der Krieg

Jesu Worte sind eindeutig: „Selig die Friedensstifter, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden!“ (Mt 5,9) „Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.“ (Mt 26,52) Ja, Jesus geht noch weiter: „Liebt eure Feinde!“ (Mt 5,44) Auf Jesus selbst kann man sich also nicht berufen, wenn man Kriege führen will. Gewaltfreiheit, Versöhnung und Feindesliebe sind Kern seiner Botschaft.

 

Verteidigung Unschuldiger

Und doch sah sich die christliche Theologie sehr früh mit einer schwierigen Frage konfrontiert: Wie ist in einer von Gewalt geprägten Welt zu handeln, wenn Unschuldige angegriffen werden? Pointiert formuliert lautet das Dilemma:

„Ich kann zwar meine eigene Wange dem Feind ungeschützt hinhalten (vgl. Mt 5,39), aber darf ich ruhigen Gewissens auch die Wangen meiner Mitmenschen, die ungerecht angegriffen werden, ungeschützt lassen?“

 

„Gerechter Krieg“

Aus dieser Spannung heraus entwickelte sich in der christlichen Tradition die Lehre vom sogenannten „gerechten Krieg“. Sie gehört bis heute zu den umstrittensten Konzepten katholischer Moraltheologie. Ursprünglich ging es dabei nicht darum, Krieg zu rechtfertigen oder zu legitimieren, sondern darum, Gewalt möglichst einzugrenzen, indem extrem strenge Maßstäbe an jede Form militärischen Handelns angelegt werden. Angesichts moderner Kriege und ihrer verheerenden Folgen bezweifeln heute allerdings viele Theologinnen und Theologen, ob diese Kriterien überhaupt noch realistisch erfüllbar sind.

 

Kriterien eines „gerechten“ Militäreinsatzes

Die traditionelle katholische Lehre nennt folgende Voraussetzungen, die alle gleichzeitig erfüllt sein müssen:

 

    Gerechter Grund: Ein Militäreinsatz kann nur zur Selbstverteidigung, zum Schutz elementarer Menschenrechte oder zur Abwehr von Völkermord in Betracht kommen.

    Auftrag durch rechtmäßige Autorität: Krieg darf nicht von Einzelnen oder Gruppen begonnen werden, sondern nur durch eine legitime Instanz. (Das wäre heute etwa ein Mandat des UN-Sicherheitsrates.)

    Gerechte Absicht: Ziel muss die Wiederherstellung von Gerechtigkeit und Frieden sein. Eroberung, Machtausweitung oder Rache schließen einen gerechten Krieg grundsätzlich aus.

    Ultima Ratio: Gewalt darf erst dann eingesetzt werden, wenn alle friedlichen Mittel ausgeschöpft sind.

    Aussicht auf „Erfolg“: Der Einsatz darf nicht zu sinnloser Zerstörung führen. Gemeint ist damit die Zerstörung von Menschenleben, aber auch von Tieren, Kultur und Umwelt. Zudem muss es realistische Chancen geben, das angestrebte Ziel tatsächlich zu erreichen.

    Verhältnismäßigkeit: Der zu erwartende Schaden darf nicht größer sein als das Übel, das abgewehrt werden soll.

 

Regeln während des Krieges

Selbst wenn alle genannten Kriterien erfüllt wären, gilt zusätzlich das sogenannte „Recht im Krieg“: das strikte Verbot des Angriffs auf die Zivilbevölkerung und das Verbot unnötiger Zufügung von Leid, etwa durch Folter, Massaker oder den Einsatz besonders grausamer Waffen. Moralisch gefordert ist auch ein menschenwürdiger Umgang mit Kriegsgefangenen und Verwundeten des Gegners.

Diese Prinzipien prägen auch das moderne humanitäre Völkerrecht.

 

Kein Krieg im Namen Gottes!

Eine besonders klare Stellungnahme gegen religiös legitimierte Gewalt findet sich im Abu-Dhabi-Dokument aus dem Jahr 2019. Darin lehnen die katholische Kirche und die wichtigste Autorität des sunnitischen Islams, die Al-Azhar-Universität in Kairo, Kriege aus religiösen Gründen ausdrücklich ab:

 

„Wir bitten, es zu unterlassen, den Namen Gottes zu benutzen, um Mord, Exil, Terrorismus und Unterdrückung zu rechtfertigen. Wir bitten darum aufgrund unseres gemeinsamen Glaubens an Gott, der die Menschen nicht erschaffen hat, damit sie getötet werden oder sich gegenseitig bekämpfen, und auch nicht, damit sie in ihrem Leben und in ihrer Existenz gequält und gedemütigt zu werden. Denn Gott, der Allmächtige, hat es nicht nötig, von jemandem verteidigt zu werden; und er will auch nicht, dass sein Name benutzt wird, um die Menschen zu terrorisieren.“

 

Gerade aus christlicher Sicht bleibt damit klar: Gott ist kein Kriegsherr, und kein Krieg darf je im Namen Gottes geführt werden. Glaubenskriege sollte es nie mehr geben.

 

Karl Veitschegger (2026)

 

Weiterführend: https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2022-03/krieg-frieden-katechismus-kirche-lehre-wortlaut-thomas-aquin.html

 

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